Noch 63 Tage

Jetzt sind es also nur noch 63 Tage bis zur Kommunalwahl. Und ein paar Stunden mehr bis zum Ergebnis. Es ist gut, dass ein Ende des Wahlkampfes absehbar ist. Auch wenn natürlich der anstrengende Teil jetzt erst beginnt. Ich will gar nicht jammern. Gestern Abend auf Facebook gesehen, dass auf einer Münchner Faschingsveranstaltung gleich zwei Bürgermeister anwesend waren und versuchten, möglichst amüsiert zu schauen. Ich bin voller Mitgefühl… viele da draußen wissen vermutlich nicht, wie eisern Politiker*innen in Zeiten des Wahlkampfs ihre Sehnsucht nach dem eigenen Sofa verleugnen, um sich stattdessen durch die Faschingssaison zu kämpfen. Vielleicht machen sie‘s aber auch gerne, keine Ahnung. Ich weiß nur, Fasching wäre meine Höchststrafe. Und deshalb sollten alle froh sein, dass ich auch dieses Jahr konsequent absentiere. Hoffe nur, das kostet uns nicht den Wahlsieg. 😅

Eben jenen Wahlsieg, der seit der Umfrage der AZ nicht mehr so unmöglich scheint wie noch vor ein paar Tagen, als ich – in Haidhausen lebend – eigentlich nicht davon ausgehen konnte, dass es noch Menschen gibt, die nicht grün wählen. Wobei, heute haben wir den Straßenwahlkampf begonnen und die Haidhauser waren so herzlich und aufgeschlossen, dass ich für einen Moment Hoffnung geschöpft habe: Dieses wahnsinnig gute Gefühl, dass da noch was geht. Dass es sich lohnt, zu diskutieren. Dass man mit guten Argumenten und Taten überzeugen kann. Dass München unterscheidet, ob es den Landtag oder den Stadtrat wählt. Ich kann schwer in Worte fassen, wieviel Mut es macht, einen Wahlkampf nicht schon als sicherer Verlierer zu beginnen. Wie leider viel zu oft in den letzten Jahren.

Ich hab mich ganz gut erholt über Weihnachten und Neujahr. Ich war davor ziemlich angeschlagen. Bin fast zehn Tage mit einseitigen Ohrenschmerzen durch die Gegend gelaufen. Die waren nie schlimm genug, um im Terminkalender Zeig für einen Arzttermin zu finden, aber doch so beeinträchtigend, dass es mir nicht wirklich gut ging. Ich hab mich dann nach zwei Tagen Ruhe noch vor dem Heiligen Abend erholt und es danach bei (zu) gutem Essen viel Zeit mit Familie, Lesen und Netflix verbracht. Vor allem Broadchurch (3 Staffeln) fand ich sehr sehenswert. Auch hat es echt gut getan, auszuschlafen und viel Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Wir haben so tiefgründige Gespräche geführt, für die im Alltag leider viel zu wenig Zeit bleibt. Auch dieses Wochenende verbringt Emma bei meinen Eltern. Sie versteht, dass ihre Mutter gerade zehn Wochen ziemlich abwesend ist… da sie meine Eltern liebt, fällt ihr die Trennung vermutlich fast leichter als mir. Trotzdem kommt ich mir in solchen Lebensphasen recht häufig der Gedanke samt Zweifeln, ob all die Politik den dafür zu zahlenden Preis rechtfertigt.

Während ich hier so vor mich hinschreibe, stell ich mir inzwischen häufiger die Frage, wie offen ich noch sein darf. Seit ich mehr Verantwortung in der Fraktion trage, stehe ich auch mehr unter Beobachtung. Jedes Wort kann aus dem Kontext genommen gut genug für eine wenig wohlmeinende Glosse sein, jeder launige Tweet, jedes Foto für Ärger sorgen. Es ist ein ungewohntes Gefühl, noch immer, und letztlich sägt es an der eigenen Authentizität, denn auch ich ertappe mich dabei, mehr aufzupassen, wenn ich Facebook oder Twitter aufmache. Keine Ahnung, ob das gut ist oder nicht. Und ob das so sein muss oder nicht.

Vielleicht ein paar Gedanken zum Bündnis mit der CSU. Obwohl ich es am Anfang nicht wollte, ist eines auch wahr: Das waren in vielerlei Hinsicht gute Jahre für München. Dass die Stadt so einig und verbunden durch die Flüchtlingskrise gekommen ist und die AfD auch im nächsten Stadtrat keine wesentliche Rolle spielen wird, das liegt auch daran, dass die CSU als Teil der Stadtregierung verantwortungsvoll agiert hat. Im Sozial- und Bildungsbereich wurden viele weitreichende, meist fraktionsübergreifend einmütige und für die Menschen spürbare Entscheidungen gefällt und umgesetzt. Endlich gibt es wieder Planungen für U-Bahnen. Noch nie wurde so viel Geld in den Wohnungsbau investiert, und dennoch profitieren die Mieter der städtischen Gesellschaften vom Mietenstopp. München soll 2035 klimaneutral werden, und selbst wenn die CSU das nicht mitträgt, bringt die ihnen nahestehende Umweltreferentin Vorschläge in den Stadtrat ein, die dem Klimaschutz in unserer Stadt gut tun. Bei allen Differenzen zwischen den Parteien, bei allem, was noch besser laufen muss, insgesamt ist mein Fazit, dass es nichts schöneres gibt, als in einer reichen und gleichzeitig so bunten Stadt Kommunalpolitik machen zu dürfen. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum CSU und Grüne die Stadt so mies machen. Ja, es ist Wahlkampf, aber warum alles, was gut ist, schlecht reden? Warum nicht etwas differenzierter – ohne Vorschlaghammer – Probleme thematisieren? Warum die Kolleginnen und Kollegen so angehen, dass es auch persönlich weh tut? Muss Wahlkampf so sein? Dieter Reiter hat es bei unserem politischen Jahresauftakt in Worten zusammengefasst, die mir im Gedächtnis geblieben sind und die auch leitender Gedanke für die Zukunft sein können: „Alle zusammen verändern wir diese Stadt jeden Tag, damit bleibt, was gut ist, damit verändert wird, was Zukunft braucht, und damit die Menschen gern hier leben. Wir haben viel erreicht. Wir haben noch viel vor.“ Für mich ist das ein wohlwollender, aber durchaus realistischer Blick auf diese Stadt und die SPD, die sie so lange regiert hat. Und die dies auch in der nächsten Amtszeit weiter tun will.

Ich frag mich oft, was ist es, was diese Stadt hat, was mich so zu ihr hinzieht. Ich bin gerade 15 Jahre hier und doch könnte München nicht mehr Zuneigung und Heimatgefühl in mir auslösen. Ich glaub, das geht vielen so. Bei allem Schickimicki, bei allen Veränderungen in den letzten Jahren, bei allem, was zu voll ist oder zu viel kostet, bei allem, was nicht rechtzeitig ist oder versäumt wurde: am Ende ist da doch dieses sichere Gefühl von Wärme und von Zugehörigkeit. München ist einfach der Ort, an dem viel geht. Für viele. Die Sonne aus Italien und ein wenig auch ein Schmelztiegel wie New York. Und alle gehören hierher und deshalb sollten wir uns diese Offenheit für Neues, für Fremdes und Fremde, für Veränderung bewahren. München muss nicht wieder München werden. München war immer München und bleibt es, wenn wir es nicht dicht machen.

Okay, etwas viel Pathos. Aber ich bin auch gerade emotional. Der Gedanke an zwei Monate Wahlkampf und gleichzeitig die Ungewissheit, ob es gelingen kann, die vielen alten und neuen Münchner*innen da draußen zu überzeugen, lassen mich manchmal nachts nicht schlafen. Obwohl ich immer gut geschlafen habe, egal was tagsüber gerade passiert ist. Aber dieses Mal ist es irgendwie anders. Nun ja, vermutlich ist es das Beste, einfach Tag für Tag das Mögliche zu tun, und am Ende zu schauen, was rausgekommen ist. 😎

So und jetzt noch ein paar Fotos:

Mit dem besten Ortsverein (Haidhausen + Ost) engagiert kämpfen.
#münchenliebe❤️
Nicht immer ist das Leben einfach oder frei von Widersprüchen, aber…
… es lohnt sich, zusammen mit engagierten Kolleginnen und Kollegen für das zu arbeiten, was richtig ist und München gut tut.

3 Kommentare

  1. Danke für diesen Beitrag, liebe Anne, den ich bzgl. der von Dir angerissenen Sachthemen Punkt für Punkt unterschreiben könnte. Danke auch für den Mut, Einblicke in Dein persönliches Gefühlsleben zu bieten. Ein prima Gegenmittel zur allzu häufigen negativen Pauschalisierung von wegen „die Politiker“. Und als ehemals alleinerziehende Mutter kann ich Deine diesbezüglichen Nöte auch verstehen. Dito Deine Sorgen um die Zukunft unserer Partei und um die Fähigkeit zu differenzierter Betrachtung seitens der Wählerinnen und Wähler. Vor allem aber bewahre Dir bitte Deine Courage, die Dinge beim Namen zu nennen, noch dazu in Deiner unverwechselbar unterhaltsamen Art. Die Menschen, glaube ich, haben die Nase voll von austauschbarem Politiker-Sprech, den die sozialen und sonstigen Medien zu einer Parteien übergreifenden Beliebigkeit weichgespült haben. Potenzielle Shitstorms und vielleicht sogar temporäre Rückschläge hin oder her, bleibt unsere SPD doch eine auf Nachhaltigkeit ausgelegte Partei ❣

  2. Hallo Anne, ein bewegender Artikel in dem Du nicht nur in Dein Innerstes blicken lässt, sondern auch in das unserer SPD München. Gerade unser Stadtteil Au-Haidhausen verdient es, seine inzwischen blass grün 🍃 Farbe wieder in ein kräftiges ROT 🌹 umzuwandeln. Er und die Stadt brauchem keine grünen Akademiker Partei (SZ 11.01.20), sondern eine solidarische, sich für alle BürgerInnen interessieren Interessenvertretung♥️, die SPD München! Dafür lohnt es sich zu kämpfen! Packen wir es an✔️

  3. Danke für Deinen Beitrag, liebe Anne!

    So erlebe ich Dich jede Woche: Engagiert, klug, herzlich, authentisch. Und Du sprichst mir mit Deinen Gedanken, gelegentlich schlaflosen Nächten und Hoffnungen aus der Seele!

    Herzliche Grüße, Venceremos!
    Dein Christian Vorländer

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