{"id":889,"date":"2018-10-23T16:02:40","date_gmt":"2018-10-23T14:02:40","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-huebner.de\/wp\/?p=889"},"modified":"2018-10-24T21:47:38","modified_gmt":"2018-10-24T19:47:38","slug":"mit-einigen-tagen-abstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-huebner.de\/wp\/2018\/10\/mit-einigen-tagen-abstand\/","title":{"rendered":"Mit einigen Tagen Abstand&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230; zur Landtagswahl will ich jetzt doch ein paar Gedanken zu Papier bringen. Ich musste mich dieses Mal nicht einmal selbst bremsen, in der Emotion der ersten Stunden irgendetwas zu verfassen, was ich sp\u00e4ter gegebenenfalls wieder h\u00e4tte l\u00f6schen m\u00fcssen. Nein, ich war so platt und getroffen, dass ich gar nichts h\u00e4tte schreiben k\u00f6nnen. Vielleicht gleich zu Beginn, die 9,7 % und insbesondere das Ergebnis in M\u00fcnchen haben mich viel mehr getroffen, als ich es f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Ich kann mich noch an meine Tr\u00e4nen erinnen, als Gore irgendwann seine <em>Niederlage<\/em> gegen Bush eingestehen musste. Aber damals war ich Anfang 20, den Vereinigten Staaten in innigster Zuneigung verbunden, und \u00fcberhaupt noch wenig vertraut mit wirklichen Lebenskatastrophen (das \u00fcbrigens bis heute). Das war also richtig schlimm. Als Schr\u00f6der, den ich &#8211; das sage ich noch heute &#8211; immer gerne mochte, 2005 so knapp gegen Merkel verlor, war ich w\u00fctend. W\u00fctend, weil es nach einer furiosen Aufholjagd trotzdem nicht gereicht hat. W\u00fctend auch, weil Schr\u00f6der und die SPD gef\u00fchlt den gesamten \u00f6ffentlichen Rundfunk gegen sich hatten. Ob Letzteres damals tats\u00e4chlich so war, kann ich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, aber ich habe es so in Erinnerung. Diese Wut verging aber schneller als das Elend rund um den von mir hei\u00df geliebten Al Gore. Wo also reiht sich diese Niederlage ein?<\/p>\n<p>Sicher ganz weit oben, denn sie f\u00fchlt sich so niederschmetternd an, existenzbedrohend, die eigene T\u00e4tigkeit und die aller Genossinnen und Genossen so rundherum in Frage stellend. Gleich zu Beginn: Klar standen die M\u00fcnchner SPD und auch ich pers\u00f6nlich dieses Mal nicht zur Wahl. Dennoch muss man n\u00fcchtern konstatieren, dass unsere Arbeit hier in der Stadt ganz offensichtlich jedoch nicht so gesch\u00e4tzt wird, als dass sie irgendeinen Einfluss auf das Ergebnis gehabt h\u00e4tte. H\u00e4tten wir die <a href=\"https:\/\/anne-huebner.de\/wp\/2018\/10\/gebuehrenfreie-reduzierte-kindertagesbetreuung-in-muenchen\/\">Kitageb\u00fchren<\/a> um das Dreifache erh\u00f6ht statt sie fast auf Null zu senken, das Ergebnis h\u00e4tte nicht schlechter ausfallen k\u00f6nnen. An dieser Stelle muss ich verdammt aufpassen, nicht abwechselnd in riesige Wut auf den W\u00e4hler oder in eine tiefe Resignation zu verfallen. Ich hab so gef\u00fchlt, fast verbittert. Am Wahlabend, am verkaterten Morgen danach (geht auch ohne Alkohol) und immer mal wieder in den Tagen darauf, wenn wir \u00fcber die Ursachen und Konsequenzen aus diesem Ergebnis diskutieren und es einfach keine einfachen Antworten und L\u00f6sungen gibt. Inzwischen ist eher Leere da und die vorsichtige Erkenntnis, dass destruktive und depressive Gedanken auf Dauer auch nicht helfen.<\/p>\n<p>Kl\u00fcgere Menschen als ich haben in den Tagen seit der Wahl versucht, die Misere der SPD zu er\u00f6rtern. In einigen Beitr\u00e4gen wurde schon die letzte \u00d6lung vollzogen, in anderen noch eine Chance gesehen, wenn wir die Groko verlassen und das Personal auf allen Ebenen ersetzen (mit wem auch immer). Die gegebenen Ratschl\u00e4ge widersprechen sich leider nicht selten und eine klare Vorstellung, wo es denn hingehen kann, was passieren muss, damit wir so Politik machen, dass uns die Menschen sch\u00e4tzen, uns vertrauen und uns dann auch wieder w\u00e4hlen, kann ich nicht erkennen. Auch ich finde Olaf Scholz blass und langweilig, seine Politik zudem nicht erkennbar sozialdemokratisch, Andrea Nahles hat zwar ein Herz, aber sie kommt einfach nicht r\u00fcber, und wenn ich sie im Fernsehen sehe, bin ich immer versucht, umzuschalten. Und ja, selbst als Anh\u00e4ngerin deutlicher Worte und verst\u00e4ndlicher Sprache: Diese Kraftausdr\u00fccke sind wohl eher auch nicht mehrheitsf\u00e4hig. Zusammengefasst: Es ist einfach schwierig, irgendwo Menschen von der SPD zu \u00fcberzeugen, wenn das Spitzenpersonal noch unbeliebter ist als es Peer Steinbr\u00fcck jemals war. Aber, es nur auf denen abzuladen, ist zu einfach, denn irgendwie sind die ja dahingekommen. Sie sind gew\u00e4hlt, von uns gewollt, so viele Alternativen selbst beim besten Willen auch au\u00dferhalb Berlins nicht ersichtlich. <\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte jetzt versuchen, meinen <em>ehrlichen<\/em> (gel\u00f6schten) Beitrag von vor einigen Wochen noch einmal zu schreiben&#8230; ich hatte da einige Aspekte angesprochen, in denen ich Ursachen sehe f\u00fcr die Verdrossenheit mit Politik ganz generell und auch mit uns als SPD. Wenn die Verbundenheit zum eigenen Amt oder Mandat gr\u00f6\u00dfer ist als die zum Wohl der Partei und sich die Ausw\u00fcchse solch egoistischer Mechanismen \u00fcber Jahre und Jahrzehnte versch\u00e4rfen, es zudem kein Thema gibt, das uns jenseits aller individuellen Machtfantasien und Ambitionen eint und verbindet, die soziale Gerechtigkeit nur mehr eine ausgeh\u00f6hlte Phrase scheint, die niemand versteht (weil wir nicht erkl\u00e4ren, wie sie aussehen und erreicht werden k\u00f6nnte), und wir leider nicht die Partei sind, die Welt und Klima rettet, dann kann ich &#8211; nach der initialen Wut auf den undankbaren W\u00e4hler, doch auch nachvollziehen, warum es so b\u00f6se um uns steht. Und dann auch wieder nicht: Denn wir machen an vielen Stellen gute Politik, selbst im Bund. Seit wir  mit der Merkel regieren, kommt die einzig sp\u00fcrbare Politik von unseren Leuten. Merkel selbst hatte ja noch nie so den Hang zum Gestalten. Es geht aber erst abw\u00e4rts, seit sie auch nicht mehr glaubhaft verwalten kann. Was tats\u00e4chlich passiert ist (zugegebenerma\u00dfen zu wenig), geht auf&#8217;s Konto der SPD. Nicht dass es im Zuge diverser Regierungskrisen wirklich medialen Raum f\u00fcr tats\u00e4chliche Politik (oder gar sozialdemokratische Erfolge) gegeben h\u00e4tte, aber wir schaffen es auch noch, am Ende den Schaden davonzutragen bei Unf\u00e4llen, die wir nicht verursacht, und bei denen wir eigentlich auch gar nicht vor Ort waren. Und ja, wenn ich Horst Seehofer und Markus S\u00f6der anschaue und dazu die m\u00fcde Merkel, dann finde ich 37,2 zu 9,7 % einfach nicht fair. Und drehe mich im Kreis, weil ich \u00fcber den Punkt der Wut und des fehlenden Verst\u00e4ndnisses jetzt irgendwann mal hinweg kommen m\u00fcsste, um irgendeine sinnhafte Erkenntnis zu gewinnen und dann weiter zu arbeiten.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt auch so schwer, es nicht pers\u00f6nlich zu nehmen. Ich kann es ja nur f\u00fcr die kommunale Ebene und unsere Fraktion einigerma\u00dfen einsch\u00e4tzen, aber es kann nicht daran liegen, dass wir faul sind, oder nicht wollen. Wir sind flei\u00dfig. Vermutlich arbeitet keine Fraktion in diesem Rathaus mit solcher Akribie an der Beantwortung der eigenen Antr\u00e4ge, noch bevor sie diese \u00fcberhaupt gestellt hat. Keiner von uns liegt auf der faulen Haut, wir sind st\u00e4ndig unterwegs (vielleicht zu oft im Ortsverein, aber das ist ein anderes Thema), wir sind besser erreich- und ansprechbar als alle anderen politischen Ebenen. Und dennoch, obwohl wir alles Denkbare tun, 60 Stunden die Woche und mehr: Die Mieten steigen, die U-Bahnen sind voll, die S-Bahn auf der Stammstrecke f\u00e4hrt gleich gar nicht (nicht unsere Schuld, aber auf andere politische Verantwortliche zu verweisen, hat noch nie wirklich geholfen), auf dem mittleren Ring stehen die SUVs und andere Dreckschleudern, die unseren Planeten auf dem Gewissen haben, und \u00fcberhaupt, der Kitaplatz ist zu weit weg, der Pflegeplatz nicht im Viertel und auch sonst geht es den Menschen dieser Stadt nicht besonders gut. Und: Tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich keiner dieser Punkte abstreiten. <\/p>\n<p>Aber die Ursachen sind so komplex, dass die L\u00f6sung all dieser Probleme entweder viele Jahre und das Zutun aller politischen Ebenen br\u00e4uchte oder es gar keine L\u00f6sung gibt. Es ist schwer, sich das einzugestehen. Und noch schwerer ist es, das alles den W\u00e4hler*innen zu erkl\u00e4ren. Die Menschen drau\u00dfen verlangen ja schnelle L\u00f6sungen und einfache Antworten (Annahme 1). Wie passen da all die nicht schnell l\u00f6sbaren\/ unl\u00f6sbaren Probleme dazu? Wer soll das wie erkl\u00e4ren? Da sind die da drau\u00dfen eh zu dumm, es zu kapieren (Annahme 2). Naja, selbst, wenn sie es nicht sind, wie transportiert man das \u00fcber Plakate, YouTube und Twitter? Ich denke, langsam wird deutlich, dass Politik und die Kommunikation dieser zu den Menschen alles andere als einfach ist, jedenfalls wenn die zu vermittlnde Geschichte die real existierenden Probleme, Erfahrungen und \u00c4ngste der Menschen in dieser Stadt ernst nimmt und wir gleichzeitig ein Angebot unterbreiten wollen, wie wir mit diesen umzugehen vorhaben.<\/p>\n<p>Im Wahlkampf am Infostand (den ich insofern f\u00fcr sinnvoll halte, als dass er uns den Sorgen und N\u00f6ten der Menschen ungefiltert aussetzt) habe ich einige Diskussionen gef\u00fchrt oder erlebt, in denen den Menschen am wichtigsten war, dass ihnen \u00fcberhaupt zugeh\u00f6rt wurde. Es bestand nicht die Erwartung, zumindest nicht von jedem, dass wir sofort jedes Problem l\u00f6sen. Aber Interesse haben und Ernsthaftigkeit zeigen, verstehen, dass obwohl man 300 Stellen im KVR zugeschaltet hat, die Person dir gegen\u00fcber trotzdem sechs Stunden warten musste, und dir ins Gesicht sagst, dass &#8222;Sie da doch jetzt auch mal was machen m\u00fcssen&#8220;! Das ist anstrengend, frustrierend, aber vor allem: so wichtig. Nat\u00fcrlich werden meine Kolleginnen und Kollegen und ich nicht mit jedem einzelnen sprechen k\u00f6nnen, aber dennoch m\u00fcssen wir versuchen, mit so vielen wie m\u00f6glich zu reden, auf allen Kommunikationswegen, die es gibt, so oft es geht.<\/p>\n<p>Kleiner Zwischenruf: ist es eigentlich sehr verwerflich, dass ich mich auch mit dem ebenso desastr\u00f6sen Wahlergebnis der N\u00fcrnberger SPD zu tr\u00f6sten versuche? Der Gedanke dahinter: wenn die genauso abgest\u00fcrzt sind trotz ihrer nahezu absoluten Mehrheit 2014 und ihres superpopul\u00e4ren OBs, dann liegt es nicht an uns hier in M\u00fcnchen. Dann kann alles anders werden in 2020. <\/p>\n<p>Dagegen spricht leider: unsere Gr\u00fcnen Freunde m\u00fcssen auch bis dahin keine Regierungsverantwortung \u00fcbernehmen, nicht in Bayern, nicht in Berlin. Die Rettung der Bienen, jeder Gr\u00fcnfl\u00e4che, der Bau von tausenden Sozialwohnungen (nat\u00fcrlich ohne Verlust auch nur eines Grashalms), die friedliche Koexistenz von SUV, Radl und Fu\u00dfg\u00e4nger und die Vereinbarkeit all dieser Versprechen werden vor der Kommunalwahl keinem realpolitischen Faktencheck mehr unterzogen. Nur zu jammern \u00fcber nicht ganz leistungsgerechte 31 % wird also nicht genug sein. Wir m\u00fcssen etwas dagegen setzen. Nur was?<\/p>\n<p>(Jetzt wird der Text schwierig&#8230; und d\u00fcnn.)<\/p>\n<p>Irgendwie muss es uns gelingen, zu erkl\u00e4ren, dass diese Stadt nur diese Stadt bleiben kann, wenn alle, die sie mit ihrer Arbeit am Leben halten, die U-Bahn und Bus lenken, im Krankenhaus pflegen, in der Krippe erziehen und bilden, im B\u00fcrgerb\u00fcro Ausweise austellen, dass all die auch k\u00fcnftig hier ein bezahlbares Zuhause finden. Dass zu gro\u00dfe Ungleichheit, bis zum Exzess getriebener Kapitalismus, Gewinne durch Spekulation&#8230; und nicht durch Arbeit&#8230; dass diese Entwicklungen am Ende auch denen, die viel haben, nicht gut tun werden, denn es wird niemand mehr da sein, der sie umsorgt, pflegt, bedient, am G\u00e4rtnerplatz die sch\u00f6nen Blumen pflanzt, auf die sie beim Sun-Downer im Del Fiore blicken. Und wenn wir einen Weg finden, diese Geschichte so zu erz\u00e4hlen, dass sie verstanden werden kann und ankommt, dann m\u00fcssen wir nur noch einen Weg finden, sie auch so zu erz\u00e4hlen, dass es ein Happy End nur mit uns geben kann. <\/p>\n<p>Und ich sag ganz deutlich, ein Happy End kann es nur geben, wenn man die gro\u00dfen Zukunftsfragen in diese Erz\u00e4hlung einschlie\u00dft. Denn schmutzige Luft, mit Autos zugestellte Stra\u00dfen, purer Egoismus und zu viel Bequemlichkeit im Stra\u00dfenverkehr&#8230; all diese Themen brennen jungen Menschen, auch schon meiner achtj\u00e4hrigen Tochter, auf der Seele. Das sind auch keine Luxusprobleme, die man erst ab 100K Jahreseinkommen hat, vielmehr ist die Sorge um die Zukunft dieser Welt eine verst\u00e4ndliche, universelle und von uns lange untersch\u00e4tzte. Rot-Gr\u00fcn war immer eine gute und ist keine \u00fcberlebte Idee, das Soziale und das \u00d6kologische zu verbinden, den Fortschritt nicht zu Lasten der Arbeitenden, der sozial Schw\u00e4cheren zu gestalten, das sind Aufgaben, die dringender als je zuvor angegangen werden m\u00fcssen. Nachdem es Rot-Gr\u00fcn politisch nicht mehr gibt und vielleicht auch auf absehbare Zeit nicht mehr geben wird, und weil zu einer modernen Sozialdemokratie auch die \u00d6kologie geh\u00f6rt, sehe ich hier, auch und vor allem kommunalpolitisch, die komplexe Aufgabe, ohne Anbiedern an eine andere Partei eigene Positionen zu entwerfen, auch wenn&#8217;s mal weh tut, weil vielleicht in absehbarer Zeit auch der sozialdemokratische Autofahrer nicht mehr in jede Stra\u00dfe fahren darf. Wenn wir erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum das f\u00fcr alle besser ist, und nen Weg finden, wie der von uns am Autofahren gehinderte trotzdem ans Ziel gelangt, dann w\u00e4ren wir auch selbst auf einem guten Weg.<\/p>\n<p>Immer zu viel Pathos am Ende meiner Texte. Also jetzt Schluss.   <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; zur Landtagswahl will ich jetzt doch ein paar Gedanken zu Papier bringen. Ich musste mich dieses Mal nicht einmal selbst bremsen, in der Emotion der ersten Stunden irgendetwas zu verfassen, was ich sp\u00e4ter gegebenenfalls wieder h\u00e4tte l\u00f6schen m\u00fcssen. Nein, ich war so platt und getroffen, dass ich gar nichts h\u00e4tte schreiben k\u00f6nnen. Vielleicht gleich zu Beginn, die 9,7 % und insbesondere das Ergebnis in M\u00fcnchen haben mich viel mehr getroffen, als ich es f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Ich kann mich noch an meine Tr\u00e4nen erinnen, als Gore irgendwann seine Niederlage gegen Bush eingestehen musste. 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