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Den Kitastreik aushalten.

Derzeit geht bei mir alles etwas drüber und drunter. Ja, der Kitastreik (korrekt: Streik des Erziehungs- und Sozialdienstes) hat meine Familie voll im Griff. Glücklicherweise betreibt mein Arbeitergeber selbst Kitas und so durfte meine Tochter gemeinsam mit ihrer besten Freundin die letzten drei Wochen eine Einrichtung mitten im Glockenbachviertel besuchen.

Diese Woche ist sie allerdings ein „Bürokind“, das – mit zwischendurch Eis, Schokolade, Handy und McDonalds – irgendwie den Arbeitsalltag durchhalten muss. Über pädagogisch wertvolle Erziehung diskutieren wir an dieser Stelle lieber nicht. 😉

Dabei habe ich großes Glück, dass Kind mitbringen bei mir möglich und erlaubt ist. Bei vielen Eltern sieht das ganz anders aus. Ich will mir gar nicht ihre und die Erschöpfung vieler Großeltern vorstellen, die in der vierten Woche Streik noch immer rund um die Uhr betreuen, arbeiten, funktionieren müssen. Am härtesten trifft dieser Streik aber die ohne Partner, ohne Großeltern, Ersatzkita und aufopferungsvolles soziales Umfeld. Und diesen Eltern, deren Stress ja auch die Kinder erleben und aushalten müssen, schulden beide Seiten dieses Tarifkonflikts jetzt endlich eine Lösung. Dabei ist mir klar, dass es gar nicht so einfach ist, eine Lösung zu finden.

Ich bin, zugegebenermaßen, ein wenig zwiegespalten im Hinblick auf die Forderungen und die Vehemenz bei der Durchsetzung dieser durch die Gewerkschaften. Einerseits fällt die Gehaltsabrechnung einer Erzieherin spürbar geringer aus als die eines Facharbeiters bei BMW. Andererseits verdient sie in München inzwischen deutlich besser als eine Pflegefachkraft. Was sind uns also unsere Kinder wert? Was sind uns aber auch unsere Alten wert? Was ist uns eine sichere und qualitativ hochwertige soziale Versorgungsstruktur wert?

Vermutlich kann die Antwort auf diese Fragen kein wochenlanger Erzwingungsstreik sein. Es braucht den gesellschaftlichen Diskurs zu diesen Fragen. Es braucht auch im Bund eine SPD, die sich dieser Themen annimmt und sich dafür einsetzt, dass die Arbeit mit Menschen nicht weniger wert ist als die an Autos. Auf kommunaler Ebene haben wir als SPD bereits Initiativen gestartet, die in die richtige Richtung gehen – wie zum Beispiel die Einführung der Arbeitsmarktzulage für Erzieherinnen und Erzieher.

Aber dieser bundesweite Streik muss nun auch die Initialzündung für eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung sein. Dafür ist er ganz offensichtlich auch nötig, denn ohne Druck bewegt sich nichts. Endet der Streik aber nur mit irgendeinem schlechten Kompromiss und ist danach vergessen, dann war er vergeblich. Dann hilft er ein wenig ein paar Auserwählten und tut für viele nichts. Dann haben wir gute, anerkannte, soziale Berufe und solche, die auf Titelseiten der Boulevardpresse regelmäßig für Negativschlagzeilen sorgen. Oder wann kommt Pflege in der öffentlichen Debatte anders vor?

Um allen Beschäftigten im sozialen und medizinischen Bereich die gesellschaftliche Wertschätzung und Bezahlung zukommen lassen zu können, die sie verdienen, braucht es neben dem gesellschaftlichen Konsens aber auch Geld. Ein gesellschaftlicher Konsens ist nichts wert, wenn mit ihm nicht die Bereitschaft einhergeht, für seine Umsetzung etwas abzugeben. Wer soll zahlen? Für mich ist klar: Nicht die, die sowieso schon zu wenig haben. Zahlen sollen die, die sich das leisten können. Und denen wiederum unterstellt man – ob zu Recht oder nicht – gerne eine gewisse Unwilligkeit, die solidarische Gesellschaft mit ihren Steuern über das heutige Maß hinaus zu finanzieren. Denn wer Geld hat, kann sich gute Kinderbetreuung und gute Pflege schon heute einfach kaufen.

Ein deutlich höherer Spitzensteuersatz, eine Vermögenssteuer, eine Erbschaftssteuer in relevanter Höhe: dies alles wären Instrumente, höhere Steuereinnahmen zu generieren. Aber: wir brauchen Parteien (im besten Fall meine eigene), die das vertreten, und Menschen, die dieses Parteien dann auch wählen. Denn ohne Mehrheiten geht in der Politik nichts. Insofern: Es ist noch ein langer Weg zum gesellschaftlichen Konsens für die Aufwertung sozialer Berufe. Und er erfordert unsere Bereitschaft, mitzuhelfen. Indem man mehr zahlt. Und indem man diesen Streik aushält, auch wenn man persönlich betroffen ist.

kitastreik

Meine Tochter an meinem Arbeitsplatz. Mit Schokolade und meinem Handy hält sie es schon irgendwie aus. 😉