Ein trübes Wort zum Sonntag

So richtige Lust auf Politik habe ich derzeit nicht. Vermutlich ist es unklug, das so zu äußern, aber etwas Gegenteiliges zu behaupten wäre eine Lüge. Und was bliebe dann zu schreiben auf dieser Seite, die schon wieder viel zu lange unverändert vor sich hin geschwiegen hat.

Vielleicht waren die drei Wochen Ferien über Weihnachten und Neujahr zu lang. Wenn man erstmal raus ist aus dem Alltagstrott, dann merkt man so richtig, wie man gefangen ist zwischen Job und Stadtrat. Und dass es so viele schöne Dinge gibt, die einem Spaß machen und für die sonst keine Zeit ist. Dass Gesundheit und Familie zählen.

Vermutlich mache ich derzeit auch auf andere einen permanent genervten Eindruck. Irgendwie hat man alles schon fünfmal (manchmal hundertmal) gehört, die Argumente drehen sich im Kreis, man kann sich selbst nicht mehr hören, wenn man redet, weil alles gesagt ist. Der Rückzug in die eigenen vier Wände ist dann das einzige, was hilft. Leider bin ich dann doch zu pflichtbewusst, um diesem Wunsch wirklich nachzugeben. Aber ich suche Auszeiten, verzichte auf politische Termine zugunsten des Jobs.

Ich kann gar nicht genau sagen, woran diese Lustlosigkeit liegt, woher diese Zweifel am eigenen Tun kommen. Vielleicht ist es das Ankommen im politischen Alltag, nachdem der Reiz des Neuen weg ist. Oder es sind Gabriels immer unverständlicheren Beiträge zur Flüchtlingsdebatte, die die Stimmung aufheizen, aber nichts beitragen zu einer Lösung, unserer Partei keine einzige zusätzliche Stimme bringen, aber diejenigen zutiefst verletzen, die sich mit den Werten der Sozialdemokratie noch immer verbunden fühlen. Ich habe mich selten so fremd gefühlt in der SPD wie heute, wenn ich die Tagesschau anmache und den Parteivorsitzenden anhöre und seine Worte nicht mehr zu unterscheiden sind von denen Seehofers.

Am Freitag habe ich eine Leichtbauhalle für Flüchtlinge besucht und erlebt, wie sich Haupt- und Ehrenamtliche nach Kräften um die von Krieg und Verfolgung gezeichneten Menschen kümmern. Es ist ein Elend, dass so viel Engagement und Mitmenschlichkeit zerstört wird durch populistische, oft grundgesetzwidrige Rhetorik von Politikern, die doch wissen müssten, wie sehr die Akzeptanz der Flüchtlinge in diesem Land daran hängt, dass es Konsens sein muss, dass das Grundrecht auf Asyl für jeden einzelnen unantastbar ist. Dass für ein paar Wählerstimmen dann sämtliche Ideale über Bord geworfen werden, finde ich verstörend und lässt mich tatsächlich daran zweifeln, ob Politik das ist, womit ich mich 30 Stunden in der Woche beschäftigen möchte.

Zum Glück gibt es viele, die Mut machen hier in dieser Stadt, die unentwegt dafür eintreten, dass München ein Ort ist und bleibt, an dem Flüchtlinge willkommen sind und eine echte Chance auf ein neues Leben bekommen. Unser Oberbürgermeister ist eine der glaubhaftesten Stimmen der SPD geworden, wenn man ihn zum Thema hört oder liest, dann gewinnt man die Hoffnung, dass unsere Partei und irgendwie auch unser Land nicht verloren sind, dass es sehr wohl eine Chance gibt für die Mitmenschlichkeit in der Auseinandersetzung mit den billigen Parolen des Stammtischs.

So, das soll es für heute gewesen sein. Ich bin also noch da, wenn auch nicht in Hochstimmung. Vielleicht lesen wir uns bald mal wieder, dann schreibe ich mal was über mein Studium, das eigentlich ganz gut läuft und fast sowas wie Spaß macht. <3

Was mache ich eigentlich die ganze Woche?

Wie vereinbart man eigentlich Beruf und Politik? Im Gegensatz zu Landtags- und Bundestagsabgeordneten sind Stadt- und Gemeinderäte ehrenamtlich tätig. D.h., wir haben in der Regel neben unserem politischen Ehrenamt auch noch einen richtigen Job. Ich arbeite bei der Arbeiterwohlfahrt München im Referat Seniorenpflege und bin dort vor allem für Controlling zuständig. Aber wie verläuft meine Arbeitswoche? Was mache ich eigentlich von Montag bis Freitag? Vielleicht hilft bei der Aufklärung ein ganz zufälliger Einblick in meinen Kalender:

Montag (16.11.)

Der Montag morgen beginnt bei mir in der Regel immer erst kurz vor 9. Es ist schlimm genug, das Wochenende hinter sich zu lassen, deshalb startet die Woche bei einem gemütlichen Frühstück zu Hause. Erst danach geht es los. Meine Tochter geht in den Kindergarten und ich in die Arbeit. Zum Glück liegt die gleich um die Ecke. Montag Vormittag ist immer Jour-Fixe mit dem Geschäftsführer und den Kolleginnen und Kollegen. Danach ist schon fast Mittag. Es ist noch Zeit für zwei, drei kurze Abklärungen und weg bin ich.

Um 13 Uhr ist jede Woche im Rathaus der Jour-Fixe unserer Sozialausschussmitglieder. Danach ab 14 Uhr die wöchentliche Fraktionssitzung, die mal bis 17 Uhr, mal aber auch deutlich in den Abend hinein dauert. An diesem Montag ist dann auch noch der Jahresparteitag der Münchner SPD. Kurz vor 23 Uhr bin ich zu Hause. Zwischen Fraktion und Parteitag, man soll ja die netten Teile des Tages nicht unterschlagen, war ich mit einer Fraktionskollegin und einem Kollegen noch etwas essen.

Dienstag (17.11.)

Ausnahmsweise bin ich heute den ganzen Tag bei der AWO. Nur zwischendrin ein kurzes Treffen mit einem ehemaligen Kollegen aus dem Sozialreferat, um ein mir wichtiges Thema voranzubringen. Um 16 Uhr ist dann Elternabend im Kindergarten. Ein kurzer Tag. Sehr entspannt.

Mittwoch (18.11.)

Ich bin schon kurz nach 7 im Büro, um schnell noch Unterlagen für einen dienstlichen Termin um 9 in Pasing zusammenzustellen. Fahrt durch die ganze Stadt (mit der S-Bahn natürlich, ich habe kein Auto), Termin, Fahrt zurück. Büro. Fahrt ins Rathaus. Interfraktioneller Arbeitskreis Haushalt. Es geht ums Sparen. Der Termin ist eher zu Ende als erwartet, also noch ein paar Gespräche im Rathaus, dienstliche und politische Mails am Handy, Telefonate. Abends ist der Empfang des BRK München anlässlich des 140jährigen Bestehens im Alten Rathaus. Ich mach mich gleich nach den Reden aus dem Staub, da ich meiner Tochter versprochen habe, vor ihrem Einschlafen zu Hause zu sein und ihr noch etwas vorzulesen.

Abends arbeite ich noch an einer Seminararbeit für mein Fernstudium. Dann gehe ich viel zu spät ins Bett.

Donnerstag (19.11.)

Heute ist Vollversammlung. Um 8.30 beginnt die Fraktionssitzung davor. Ab 9 dann Haushaltsreden, endlose ziemlich lange Haushaltsreden, mehr Haushaltsreden. Alle Argumente sind längst ausgetauscht, aber die Debatte dauert an. So eine Vollversammlung ist für hinten sitzende, sozialdemokratische Neulinge eher frustrierend. Immerhin durfte ich schon einmal reden, andere warten noch auf ihren ersten Beitrag. Gleichzeitig halten die neuen Stadträtinnen der Grünen teilweise tolle Reden und wir schauen halb bewundernd, halb beneidend herüber: warum können und dürfen die das und wir nicht? Um 18 Uhr hat das Grauen ein Ende. Ich will gar nicht zu negativ erscheinen, aber einen ganzen Tag sitzen und von vornherein zu wissen, dass man keinesfalls etwas sagen wird, ist nicht unbedingt motivierend. Von der Besucherbank sieht man dann, wie wir immer öfter, je länger der Tag andauert, mit dem Handy spielen. Die Besucher da oben denken dann wahrscheinlich: typisch desinteressierte Politiker. Dabei würden wir ja gerne anders, wenn wir denn dürften!

Um 18 Uhr noch ein Fraktionsgespräch mit dem neuen Vorstand des Mieterbeirats. Um 19.30 bin ich zu Hause und einfach froh, meine Tochter umarmen zu können und ihre im Kindergarten gemalten Kunstwerke bewundern zu dürfen.

Freitag (20.11.)

Um 9 geht der Tag in der Fraktion los. Gespräch mit dem Personalrat des Sozialreferats. Danach noch ein politischer Termin beim Kaffee. Um 11 bin ich im Büro. Mittags ein Treffen mit einer meiner besten Freundinnen, deren Geburtstag ich letztens vergessen habe, da man sich manchmal bei all der Politik an die wesentlichsten Dinge im Leben nicht mehr erinnert. Zum Glück ist sie nicht nachtragend. Mittagspause dauert eine Stunde. Ein seltener Luxus. Danach wieder in die Arbeit. Heute Abend noch eine Podiumsdiskussion, morgen Abend eine Preisverleihung. Der Rest des Wochenendes ist frei.

Fazit?

Zu tun ist reichlich und irgendwie kommt in der Relation zwischen investierter Zeit und Ertrag selten genug raus. Aber vielleicht bin ich auch nicht geduldig genug. Insgesamt macht es trotzdem Spaß. Man darf ja bei aller Kritik nicht vergessen, dass es ein Privileg ist, die Geschicke Münchens ein kleines Stück mitgestalten zu dürfen.